Allgemein Darmstadt Entwurf

Entwurf für den »Grünen Citytunnel«

Der Darmstädter Wilhelminentunnel (Citytunnel) ist die zentrale Verkehrsachse unter dem Luisenplatz. Gleichzeitig entstand aus dieser Verkehrsführung das Problem einer konzentrierten Luftbelastung durch den stetigen Verkehr. Die Initative schlägt vor, eine vertikale Begrünung der Wände – dort, wo es verkehrstechnisch möglich ist – mit Moos und widerstandsfähigen und nicht pflegeaufwendigen Stauden. Ein Tröpfchenbewässerungssystem und ein Tageslicht-LED-System garantieren deren Wachstum.

Varianten: Moos- und Pflanzenwände mit strukturierenden Stauden

Seit September erarbeiten die Biologen Kilian Lingen und Dr. Florian Schneider in Kooperation mit der Initiative ein umfassendes Konzeptpapier zur Umsetzung einer Tunnelbegrünung und testen einen Prototyp.

Die Idee

Städtische Grünflächen stellen wichtige Ökosystemfunktionen für die Menschen bereit. Klassischerweise werden Bäume und Grünanlagen zur Regenwasserfiltrierung und Flächenentsiegelung, zur lokalen Klimaregulation, zum Lärmschutz, aber auch zur Luftreinigung diskutiert. In der Stadtplanung stehen Grünflächen in direkter Konkurrenz zu anderen Notwendigkeiten, wie dem Wohnungsbau, Gewerbeflächen und Wegenetz und Infrastruktur. Vertikale Begrünungen an Fassaden und Wänden stellen ein vielversprechendes Konzept dar, um Grünanlagen außerhalb dieser Flächenkonkurrenz zu realisieren. Die ökologischen Funktionen und Dienstleistung, die Pflanzen bereitstellen, können damit auch an stark verdichteten Standorten genutzt werden.

Pflanzen tragen auf vielfältige Weise zur Reduzierung von verkehrsbedingten Luftschadstoffen bei. Dabei spielen neben der physikalischen Filterung durch die vergrößerte Oberfläche und die damit einhergehende Luftbefeuchtung, auch der Stoffwechsel der Pflanzen und der auf dem Laub („Phyllosphäre“) und im Wurzelraum („Rhizosphäre“) lebender Mikroorganismen eine Rolle. Die Luftschadstoffe können unter bestimmten Umständen in den biologischen Stoffkreislauf aufgenommen und vollständig abgebaut oder unschädlich gebunden werden. Diese ökologische Schadstoffextraktion wird als ‚Phytoremediation‘ bezeichnet.

Das Konzeptpapier schlägt die Umsetzung einer vertikalen Begrünung mit Moosen und Farnen im Citytunnel Darmstadt zur Reduktion von Stickoxiden und Feinstaub (und anderen Luftschadstoffen) in der Hügelstraße vor. Zusätzlich dient die Anlage dem Lärmschutz und der Verbesserung der allgemeinen Luftqualität durch Befeuchtung und Abkühlung.

Tunnelbegrünung als sozial-ökologisches Projekt

Das Potential einer solchen Anlage für die Stadt Darmstadt geht weit über die Schadstoffreduktion hinaus. Der „Grüne Citytunnel“ basiert auf dem Gedanken: „Jede neue Idee benötigt eine neue Form“. Die vertikale Begrünung soll als „Kunstwerk“ ökologisches Verhalten inspirieren, ein Umdenken anregen und eine hohe Identifikation mit der Stadt Darmstadt bewirken. Das Projekt ist Teil einer Vision für die Stadt Darmstadt für einen integrierten Umwelt- und Biodiversitätsschutz innerhalb des urbanen Raums. Die gute Sichtbarkeit am Standort bietet ganz neues Erlebnis einer grünen Innenstadt, auch aus Sicht der Autofahrer_Innen.

Die vertikale Begrünung kann zudem als Forschungsplattform für ökologische und sozialwissenschaftliche Fragestellungen genutzt werden. Die Wirksamkeit einer solchen Anlage zur Luftschadstofffiltrierung kann aufgrund von Laborstudien plausibel vermutet werden, einen Wirksamkeitsnachweis im Feldversuch gibt es jedoch bisher nicht. Dies birgt Chancen für den Forschungsstandort Darmstadt: die wissenschaftliche Begleitung und Erbringung eines Wirksamkeitsnachweises von biologischer Luftfilterungstechnik ist hier wie an keinem anderen Forschungsstandort leistbar.

Das hier vorgestellte Konzept soll Akteure aus Wissenschaft, Gesellschaft und Stadtverwaltung vernetzen und einen offenen Lernraum schaffen, auch mit Blick auf zukünftige vertikale Begrünungsprojekte an anderen Standorten in Darmstadt.

Dipl. Biol. Kilian Lingen – Ökologe und Entwickler von artifiziellen marinen Ökosystemen; Nach Diplomstudium zu vegetationsökologischen Renaturierungsmaßnahmen lehrte er für zwei Jahre an der TU Darmstadt in Form einer Dozentenstelle im Fachgebiet spezielle Botanik. Seit vier Jahren widmet er sich beruflich der technischen Entwicklung und Umsetzung von Meerwasser-Aquaristik-Anlagen und der Haltung und Anzucht von Korallen. Als Mitgründer von ‚Epiphytus‘ GbR arbeitet er an der Gestaltung von Wandgärten für die Innenraumbegrünung.

Dr. Florian D. Schneider (www.fdschneider.de)  – Ökologe und Umweltwissenschaftler; Nach Promotion an der TU Darmstadt zu komplexen ökologischen Netzwerken forschte er am CNRS Montpellier sowie am Senckenberg Biodiversität und Klima – Forschungszentrum in Frankfurt zur Stabilität von Ökosystemen unter menschlicher Nutzung. Für zwei Jahre begleitete er die DFG Senatskommission für Biodiversitätsforschung als wissenschaftlicher Sekretär. Derzeit arbeitet er freiberuflich als Berater und Gutachter für verschiedene wissenschaftliche Forschungsinstitute. Er beschäftigt sich mit Fragen der kulturellen und ökologischen Bewertung von biologischer Vielfalt, und mit Zukunftstechnologien für synthetische ökologische Systeme.

2 Kommentare

  1. diana krauss

    Kranke Scheiße

  2. Eine super Idee – umwelttechnisch gesehen absolut sinnvoll – und es sieht sehr schön aus!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.